
Mona, 1.4..2026
Lieber Grosspapi
Recht gibt es für alle, doch fühlt es sich auch für alle gerecht an? Mit diesem Thema haben wir uns in der besonderen Unterrichtswoche vom 9. März 2026 auseinandergesetzt. Dazu fanden lehrreiche Referate mit verschiedenen Staatsanwälten, einer Sozialarbeiterin und Polizisten statt und wir hatten die Möglichkeit, an einigen Exkursionen teilzunehmen.
Eine dieser Exkursionen war ein Besuch in der Strafanstalt in Gmünden. Nach einem kurzen Vortrag bekamen wir die einmalige Gelegenheit, mit einem Insassen zu sprechen. Der Insasse war sehr offen, was einen Austausch mit ihm erleichterte. Nachdem wir einen Einblick in das Leben eines Insassen erhalten hatten, konnten wir die Strafanstalt besichtigen. Von Erzählungen hatte ich saubere und schöne Räumlichkeiten erwartet und genau diese traf ich auch an.
Zuvor hatte ich mich oft gefragt, ob die Gefängnisse in der Schweiz nicht zu schön und zu wenig streng sind. Doch während des Besuchs realisierte ich, dass sich viele Menschen nicht vorstellen können, wie es sich wirklich anfühlt, in einem Gefängnis zu leben. Das Gefühl, sich nicht frei bewegen zu können, ist erdrückend. Gitter vor den Fenstern, Gitter im Treppenhaus, die Türen sind verschlossen. Es fühlt sich an, als würde man in einer eigenen Welt leben.
Die Frage, ob das Gefängnis zu mild oder doch zu streng ist, habe ich mir nach dem Besuch noch einmal gestellt. Die Gefängnisse in der Schweiz sind verhältnismässig sehr sauber und schön und die Mitarbeitenden begegnen den Insassen mit Respekt. Dennoch kann das Gefühl des Freiheitsentzugs sehr schlimm sein. Wenn man in Betracht zieht, dass all diese Insassen ein Delikt begangen haben, ist es meiner Meinung nach jedoch gerechtfertigt, dieses Gefühl verspüren zu müssen.
Wie siehst du das, lieber Grosspapi? Sind die Gefängnisse deiner Meinung nach zu streng oder eher zu mild? Und wie waren die Gefängnisse früher, als du jünger warst, gab es grosse Unterschiede zu heute?
Ebenfalls haben wir uns mit einem Fall eines Tötungsdeliktes beschäftigt. Einen Tag später hatten wir ein Treffen mit der Mutter des Opfers vereinbart. Vor dem Gespräch mit ihr hatte ich grossen Respekt. Ich fragte mich, was man eine Mutter fragen kann, die ihren Sohn auf skrupellose Art und Weise verloren hat. Doch als sie kam, war diese Angst schnell verblasst. Ihre liebevolle und offene Art führte zu einem sehr emotionalen und lehrreichen Gespräch.
Sie hat uns ihre Geschichte offengelegt und uns erzählt, was geschah und wie sie die ganze Situation erlebte. Durch dieses Gespräch wurde mir bewusst, dass unser Schweizer Rechtssystem im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut ist und trotzdem Herausforderungen existieren. Sie erzählte uns davon, dass sie sich als Opfer oft im Stich gelassen gefühlt habe. Für sie war es ein harter und steiniger Weg, den sie überwinden musste, um Gerechtigkeit zu erhalten. Hätten ihr die finanziellen Mittel gefehlt, wäre dieser Weg zur Gerechtigkeit für sie nicht möglich gewesen.
Ich habe mich daraufhin gefragt, wie es sein kann, dass unser System so funktioniert, dass Menschen mit weniger Geld manchmal nur beschränkte Gerechtigkeit erhalten. Wieso scheint es möglich zu sein, sich durch Geld bessere Chancen auf Gerechtigkeit zu verschaffen? Menschen lassen sich mit Geld manipulieren und dieses Verhalten finde ich tragisch. Doch es ist wohl eine Tatsache, die nicht einfach geändert werden kann.
Was meinst du dazu? Findest du, dass Geld in unserem Rechtssystem zu viel Einfluss hat?
Recht und Gerechtigkeit werden sich wahrscheinlich nie vollständig decken und trotzdem bin ich der Meinung, dass unser Rechtssystem trotz einiger Herausforderungen die Gerechtigkeit insgesamt gut vertritt.
Ich bin sehr gespannt über deine Meinung.
Liebe Grüsse
Mona


















