
Josef, 16.6..2026
Lieber Mona
Dieses Thema, von dir vorgeschlagen, ist eine gute Idee. Nachdem wir seit Jahren regelmässig einen schriftlichen Gedankenaustausch pflegen, ist es an der Zeit, dass wir uns darüber unterhalten.
In unserem Alltag schreiben wir beide häufig, du als Kantischülerin, ich als Korrespondent von zwei lokalen Zeitungen. Mich interessiert, worüber du am liebsten schreibst und welche Situationen dich zum Schreiben veranlassen. Schreibst du auch für dich persönlich, beispielsweise in ein Tagebuch?
Voraussetzung für das Schreiben ist die Sprache. Für mich waren der Sprachunterricht, wie er in der Primarschule genannt wurde, und in den weiterführenden Schulen der Deutschunterricht meine Lieblingsfächer. Ich hatte das Glück, in der Sekundarschule, in der Kantonsschule und in der Sekundarlehramtsschule wirklich begeisterte und begeisternde Deutschlehrer zu haben. Sie haben in mir die Freude an der Sprache geweckt und mich gelehrt, mich sprachlich korrekt und ansprechend auszudrücken.
Als Grundlage haben mir die Lehrer den Zugang zur Literatur erschlossen. In den Standardwerken habe ich die vielfältigen Ausdrucksformen und Sprachstile kennengelernt. Bewundert habe ich vor allem auch lyrische Werke. Eine ganze Anzahl von Gedichten und Balladen habe ich auswendig gelernt. Um selber gereimte Texte zu verfassen, fehlte mir aber weitgehend das Talent. Mein Mutter hat diese Fertigkeit leider nicht auf mich vererbt.
Dagegen habe ich schon als Schüler gerne Aufsätze geschrieben. Nach Erlebnisberichten folgten ab der Sekundarschule Bild- und Situationsbeschreibungen, das Zusammenfassen von Texten und Abhandlungen zu allgemeinen und aktuellen Themen.
In meiner Zeit als Sekundarlehrer war dann nicht das Schreiben, sondern das Korrigieren von Aufsätzen meine Hauptaufgabe. Bei Klassengrössen von über 20 Schülerinnen und Schüler erforderte das recht viel Zeit. Ich habe es aber gerne gemacht und nie nur eine Note an den Schluss der Aufsätze gesetzt. Wichtiger waren mir ein Lob für gute Gedankengänge und Formulierungen und Anmerkungen, was besser gemacht werden könnte. Das hatte ich in meiner eigenen Schulzeit auch so erlebt.
Mit dem Wechsel in den Journalismus wurde das Schreiben zu meiner Berufsarbeit. Mein Verantwortungsbereich war die Kantonalpolitik. Dabei gab es vielfältige Schreibanlässe. Sie reichten vom Vorstellen kantonaler Erlasse und Bauvorhaben über Parteiveranstaltungen, Kandidatenporträts von Kantons- und Regierungsräten bis zur Vermittlung von Wahlergebnissen. Vor allem im Vorfeld von Wahlen wählte ich zur Vorstellung der Kandidaten häufig die Interviewform. Zu umstrittenen Fragen und Projekten schrieb ich auch gerne Kommentare.
Beim Schreiben für die Zeitung fühlte ich mich in meinem Element. Im Gegensatz zum Aufsatz in der Schule gab und gibt es dort nicht einen Lehrer, der bewertet, sondern ein paar hundert Leserinnen und Leser, die sich ihr Urteil bilden.
Seit Jahren schreibe ich nun für die Wiler Zeitung und das Toggenburger Tagblatt. Die Redaktion beauftragt mich regelmässig, über Veranstaltungen und Pressekonferenzen zu berichten. Das freut mich. Einerseits schreibe ich nach wie vor gerne und fasse das Geschehen oder die Information vor Ort auf das Wesentliche konzentriert zusammen. Ausserdem empfinde ich die Auseinandersetzung mit örtlichen Aktualitäten und den Kontakt mit interessanten Menschen als bereichernd.
Abschliessend noch etwas Grundsätzliches zum Schreiben: Kommunikation im Alltag geschieht meist über das Gespräch. Im Gegensatz zum Sprechen ist das Schreiben verbindlicher. Sprechen ist flüchtig, der genaue Wortlaut bleibt kaum in Erinnerung. Geschriebenes lässt sich wiederholt lesen und prägt sich ein. Wer schreibt, muss sich seine Formulierungen gründlich überlegen.
Jetzt bin ich gespannt, was ich von dir, liebe Mona, über deine Motivation zum Schreiben erfahre.
Liebe Grüsse
Grossvater




















